Der Fuhrmannseid: Tradition verpflichtet

Es begann im Jahre 1691

Eine Spedition muss ihren Fahrern vertrauen können. Schließlich geben sie ihnen teure Waren, die ihr Ziel pünktlich erreichen müssen. Während das heute mit Regeln und Sanktionen geregelt wird, gab es in alten Zeiten einen Eid. Er hat bis heute überlebt, obwohl er nicht mehr aktiv verlangt wird. Doch jeder Fahrer sollte diesen Eid zumindest einmal gelesen haben:
"Ich schwöre einen Eid zu Gott, dass ich das Gut, das mir zu fahren aufgeladen wird, für billigmäßige Belohnung dahin fahren, treulich verwahren und redlich überliefern will, kein Stück verfahren oder irgend anderswo hinbringen als mir aufgegeben ist, was mir etwa an Geld und Wechseln zurück zubringen gereicht wird, aufrichtig und ohne einzige Hinterhaltung überreichen und mich in allen so betragen will, wie einem redlichen, aufrichtigen und getreuem Fuhrmann gebührt."



Jahrhundertelange Tradition

Wer Autos liebt, sollte seinem Schicksal danken. Wäre er hundert Jahre früher geboren, hätte er noch auf Eselkarren fahren müssen. Motoren waren zu diesem Zeitpunkt unbezahlbar und für das Militär bestimmt. Nur reiche Menschen konnten sich diese leisten. Das Transportsystem musste auf Ochsen oder Pferde zurückgreifen. Es gab keine Lkws. Jede Lieferung musst mühsam durchgeführt werden. Ein Fahrer war deutlich länger unterwegs als heute. Außerdem lief alles deutlich schwerer ab. Er konnte seine Waren nicht einfach so mit einem Gabelstapler aufladen. Anderes technisches Gerät stand ihm auch nicht zur Verfügung. Alles musste mit Fleiß und Muskelschweiß erledigt werden. Keine rosigen Aussichten! Da erscheint dieser Eid in einem anderen Kontext. Fuhrmann war ein anstrengender Job im Vergleich zu heute. Dementsprechend mussten Fuhrleute diesen Eid vor ihren Zunftherren ablegen. Im Gegensatz zu heute war es deutlich einfacher, Waren zu stehlen. Vor allem in den Anfangsjahren des Eids herrschte auf den Straßen noch eine hohe Kriminalitätsrate. Überfälle waren keine Seltenheit und es gab wenig große Städte. Die meisten Menschen lebten noch in Dörfern. Erst mit der Industrialisierung änderte sich dieses Landschaftsbild und der Fuhrmann hat seinen Anteil daran. Er durfte Kohle und andere sperrige Güter für die aufstrebende Industrie transportieren. Je nach Bedarf lieferte er Waren aller Art von A nach B. Nicht ohne Grund wird der Fuhrmann als Vorgänger unserer heutigen Speditionen angesehen.

Sinn & Zweck

Der Fuhrmannseid musste vor jedem Transport abgelegt werden, kurz bevor die Waren angenommen wurden. Wer daran dachte, die Güter zu veruntreuen, beging eine Straftat. Denn durch den Eid hatte er sich zu Treue verpflichtet. Aus heutiger Sicht kann der Wortlaut etwas verwirrend sein. Gleich am Anfang ist von "billigmäßiger Belohnung" die Rede. Auf den ersten Blick hört sich das nach Ausbeute an, doch das ist nicht damit gemeint. Der Wortstamm ist auf "zugebilligte Belohnung" zurückzuführen. Einfach gesagt ist damit der Lohn gemeint, der vorher vertraglich vereinbart wurde. Ganz modern also. Von Abzocke keine Spur. Auch wenn es damals noch keine Marktwirtschaft im heutigen Sinne gab, mussten die Menschen von etwas leben. Ein Fuhrmann musste stets ehrliche Absichten verfolgen. Er durfte auf keinen Fall kriminell werden und Waren für sich beanspruchen. Damit das nicht passiert, wurde auf den Fuhrmannseid geschworen. Diese Tatsache lässt sich auch in folgenden Worten finden: "Treulich verwahren und redlich überliefern". "Redlich" ist ein altes deutsches Wort, das mit "zuverlässig" übersetzt werden könnte. Natürlich ist der finanzielle Aspekt im Eid geregelt. Damit es zu keinen Missverständnis zwischen Fuhrmann und Lieferant kommt, wird auf "Geld und Wechseln zurückzubringen" geschworen. Ein treuer Fuhrmann musste also unter Umständen Geld aushändigen. Dies konnte schnell passieren, vor allem in alten Zeiten. Eine lange Fahrt dauerte statt 2 Wochen nur 10 Tage. Es entstanden geringere Kosten für den Transport. Der treue Fuhrmann behielt die Ersparnis nicht für sich selbst ein. Er händigte sie seinem Zunftherren zuverlässig aus.